Hetero-Zone: Inneres Coming-Out


Sich selbst erkennen
"Was ist nur los mit mir? Warum schaue ich nicht den Mädchen nach, so wie alle anderen Jungs? Bin ich schwul? Oder vergeht das mit der Zeit wieder?"
Solche Fragen stellt sich ein homosexueller Jugendlicher, der gerade zu begreifen beginnt, was mit ihm los ist. Er ist verunsichert, kann sich selber noch nicht so recht verstehen. Kein Wunder: Während seiner ganzen Kindheit wurde ihm von der Aussenwelt vorgemacht, was Sexualität heisst: Eine Frau und ein Mann lieben sich, küssen sich, verschwinden zusammen im Schlafzimmer und wollen dort nicht gestört werden. In der Pubertät - also dann, wenn die Hormone verrückt spielen - durchlebt jeder Jugendliche, egal ob homo-, bi- oder heterosexuell, eine sexuelle Orientierungsphase. Die meisten Jugendlichen merken davon gar nicht viel: Weil alles nach Plan abläuft. Homosexuelle Jugendliche hingegen kommen irgendeinmal an einen Punkt, an dem sie merken, dass sie den allgemeinen, und somit auch ihren eigenen Vorstellungen und Erwartungen nicht entsprechen können, weil sie schwul oder lesbisch sind. Damit hat ihr inneres Coming-Out begonnen, der Prozess, ihre Homosexualität und sich selber zu erkennen und zu akzeptieren.

Sich selbst akzeptieren
"Warum gerade ich? Habe ich etwas falsch gemacht? Warum kann ich nicht normal sein? Gibt es jemand, der genauso fühlt wie ich?"
Zweifel kommen auf, Zweifel an sich selbst. Denn als Homosexuelle(r) spürt man, dass man anders fühlt als die anderen. Logisch, dass man sich alleine fühlt und lieber so wäre wie die anderen, wie die Kollegen und Kolleginnen, die Eltern, wie alle vertrauten Personen. Dies ist der erste Zeitpunkt im Coming-Out-Prozess, an dem Probleme auftauchen können. Wenn der/die homosexuelle Jugendliche psychisch nicht stark genug ist und vielleicht noch andere Probleme hat (in der Schule, im Elternhaus), die ihn/sie zusätzlich belasten, ist es möglich, dass ernsthafte Depressionen auftreten. Nicht selten werden diese unerwünschten Gefühle auch einfach verdrängt, was früher oder später zu einem Ausbruch und zu grossen Problemen führen wird. Deshalb ist es wichtig, dass man homosexuelle Jugendliche nicht alleine lässt, dass das Thema Homosexualität zu Hause in der Familie und auch in der Schule nicht mehr tabuisiert wird und somit homosexuelle Jugendliche schon früh wissen, dass das, was sie fühlen, ganz normal und überhaupt nicht verwerflich ist.
Lebensfreude gewinnen
"Und was nun? Wie wird mein Leben aussehen? Werde ich von meinem Umfeld akzeptiert werden? Wird es jemand geben, der mich liebt, mit dem ich das Leben verbringen kann?"
Sich selber zu akzeptieren ist das eine, mit sich selber glücklich zu sein das andere. Alle Vorstellungen von einem erfüllten Leben werden ausgelöscht. Das gängige Muster "Ehepartner, Kinder und Haus" scheint plötzlich unerreichbar, die Zukunft wie ein schwarzer Fleck auf der Weltkarte. Das kann für homosexuelle Jugendliche ein nicht leicht überwindbares Hindernis zum glücklichen Leben sein. Es dauert oft Jahre bis sich ein Schwuler oder eine Lesbe mit dieser Situation abgefunden hat und daraus das beste zu machen bereit ist.

  


In Kürze: Weil man in der Kindheit von überall die heterosexuelle Lebensweise aufgezeigt bekommt, ist es für junge Schwule und Lesben schwierig, ihre Homosexualität zu akzeptieren. Sie fühlen sich alleine unter anders Denkenden. Bis zur erneuten Gewinnung von Lebensfreude kann es Jahre dauern.
Begriff: Als inneres Coming-Out wird die Phase bezeichnet, in der jemand die eigene Homosexualität wahrnimmt und vor sich selbst anerkennt.
Links zum Thema:
- Mattenjahre: Coming-Out-Geschichte eines 16-jährigen.