Hetero-Zone: Alltag, Schule


"Rrrring. Der Wecker läutet. Aufstehen. Anziehen. Frühstücken. Losfahren. Stress, wie jeden Morgen; ich muss schneller fahren, sonst verpass ich den Zug. Einsteigen, geschafft. Zug fahren gefällt mir, nochmals 10 Minuten dösen. Aussteigen. Scheisse, ich hab was vergessen zu Hause. Egal, da vorne wartet schon Marcus auf mich. Der Tag beginnt.

Marcus ist mein bester Freund. Er weiss so ziemlich alles über mich - auch, dass ich schwul bin. Ich hab's ihm vor einem halben Jahr gesagt. Hab's nicht mehr ausgehalten damals, dieses Versteckspiel vor ihm, diese Gespräche über Frauen. Er hat's ganz gut aufgenommen. Jedenfalls hat er kein Problem damit. Bis jetzt weiss es sonst noch niemand. Und das soll vorläufig auch so bleiben. All die andern müssen das nicht wissen. Und meinen Eltern getrau ich's mich auch nicht zu sagen, die reden immer von den Enkelkindern. Ich weiss nicht, ob sie den Schock überstehen würden, wenn ich ihnen sage, dass sie von mir keine Kinder erwarten können. Die wären mir wohl ewig böse deswegen.
Marcus und ich gehen noch das Stückchen vom Bahnhof bis zur Schule. Wir reden über die Franz-Prüfung von morgen. Scheisse, sag ich nur. Erste Stunde: Mathe. Und dann Physik. Bringen wir's hinter uns.

Pause. Wir sitzen mit ein paar anderen aus der Klasse in der Mensa. Schoggigipfel-Time. Ausgelassene Stimmung. Fröhliches Gelächter hier und da. Und dann: Irgendwo hinter mir höre ich jemanden in angeekeltem Tonfall sagen "Du schwuli Sou!". Ich zucke zusammen, diese Worte schlagen wie ein Blitz in mich ein. Mein Blick wandert über die Gesichter meiner Kollegen. Was würden sie sagen, wenn sie wüssten, dass ich schwul bin? Einige von ihnen benutzen dieses oder ähnliche Schimpfworte auch ab und zu. Wissen sie, was sie damit auslösen? Mein Blick kommt zu Marcus. Er schaut mich ebenfalls an. Er hat's scheinbar auch gehört. Sein Blick sagt mir: "Bleib stark!". Ich bin froh, dass es Marcus gibt. Ohne ihn wäre alles noch viel schwieriger.

  

Englisch, mein Paradefach. Ein guter Lehrer, einer der wenigen, die es schaffen, mich richtig zu begeistern für ihr Fach. Aber leider ist auch er nicht perfekt. Vielleicht liegt's ja einfach am Alter, aber diese Bemerkungen über Schwule könnte er sich jeweils wirklich sparen. Das kommt nicht oft vor, aber es trifft mich jedes Mal sehr. Heteros würden mich vielleicht gar nicht verstehen, die Bemerkungen sind immer so subtil. In einem Text kam einmal eine Szene mit zwei Männern vor, die sich ... naja, ich glaube sie haben sich geküsst. Der eine der Männer war ein bekannter Schriftsteller, den es wirklich gegeben hatte. Ach, ein bisschen kompliziert. Der Englischlehrer jedenfalls konnte das natürlich nicht so stehen lassen und versicherte uns Schülern sofort, dass der besagte Schriftsteller nicht etwa schwul gewesen sei. Fast wie wenn ein schwuler englischer Schriftsteller seine Glaubwürdigkeit als Vertreter dieser Sprache beeinträchtigt hätte.

Ja, ja. Männer eben. Mittagspause. Wir sitzen wieder in der Mensa und essen. Ein Mädchen ist neben unserem Tisch durchgegangen und schon sind die Jungs in heller Aufregung. Ok, ich geb's ja zu: Ich bin nicht anders, wenn ich einen süssen Jungen sehe. Schliesslich bin ich ja auch nur ein Mann... Nur, ich kann das nicht so zeigen. Was würden die wohl denken, wenn ich mal meine Augen gross werden lassen und ein bisschen den notgeilen Typen spielen würde, so wie sie es tun? Mich würden wohl alle ansehen, wie wenn ich ein Ausserirdischer wäre. Unvorstellbar. Ich tu's lieber nicht, obwohl ich gerne auch mal was anderes tun würde als verkrampft mitzulachen, wenn die anderen es lustig haben.


Sport. Ich hab mich schon den ganzen Tag lang darauf gefreut. Heute steht Fussball auf dem Programm, besser geht's nicht. Der Lehrer ist echt cool, hat einen total kollegialen Umgang mit uns. Manchmal schleift er uns zwar ziemlich, extrahartes Krafttraining nach den Weihnachtsferien zum Abspecken oder so. Naja, das geht jeweils auch irgendwie vorbei, ist ja schlussendlich auch gar nicht so schlimm. Heute hat er einen speziell guten Tag. Das Fussballspiel ist zwar nicht so hochstehend, dafür haben wir's lustig. Irgendwann kickt unser Klassencasanova am Ball vorbei und gibt einen total schwuchteligen Laut von sich. Die ganze Klasse hält sich den Bauch vor Lachen. Ich kann auch nicht anders als zu schmunzeln. Das hat einfach lustig geklungen...
Die Pausenglocke läutet. Das Lachen liegt uns allen noch auf den Lippen, als plötzlich einer einen Schwulenwitz zu erzählen beginnt. Ich zucke zusammen. Doch dann merke ich, wie eine ganz lockere Stimmung herrscht während der Kollege den Witz erzählt und wir den Weg zur Umkleide gehen. Es ist so, wie wenn ein Blondinenwitz erzählt würde und niemand nimmt ihn ernst, weil alle wissen, dass sich der Witz nur an Klischees bedient. Niemand macht eine angeekelte Bemerkung. Sogar ich muss laut lachen, denn der Witz ... der ist wirklich lustig!
Duschen. Mit den anderen Jungs zusammen. Es gibt nichts Normaleres für mich. Nass machen. Duschmittel vom Kollegen leihen, weil ich meines wiedermal vergessen habe. Abspülen. Raus aus der Dusche. Abtrocknen. Anziehen. Ich kenne nichts anderes. Ich hätte eigentlich erwartet, dass Marcus das seltsam findet. Nein, tut er nicht. Ok, umso besser für mich.

Die Schule ist aus. Ich suche im Schulzimmer nach Marcus um mit ihm zum Bahnhof zu gehen. Wir plaudern über die Schule, das kommende Wochenende. Er fragt mich wegen dieser Szene nach dem Sportunterricht. Marcus ist ein toller Freund. Er kümmert sich echt um mich. Wir sind beim Bahnhof angelangt. Handschlag. Lächeln und Augenzwinkern. In den Zug einsteigen. Einen freien Platz suchen. Absitzen. Ich hab Hunger, freue mich aufs Abendessen. Der Tag ist vorbei."